Trinkbefehl! (II/2016)

Deutschland 2015 Spezial – trockene Weißweine

Sagen wir es geradeheraus: wer 2015 blind einkauft, weil er den vielen enthusiastischen Lobreden Glauben schenkt, kann unter Umständen fürchterlich auf die Nase fallen. Die Weine des Jahrgangs können erstklassig sein, vermutlich sogar groß, aber ebensogut auch ziemlich unlustig. Oder, noch schlimmer: tückisch. Wo zu früh gelesen wurde, ist der Fall immerhin meist einfach, weil die Weine dünn und banal schmecken, immer wieder auch ein wenig künstlich, trotz hoher Säure zudem nicht selten leblos. Dann aber wird es schon schwieriger; 2015 ist ein gerbstoffreiches Jahr, auch bei den Weißweinen. Doch je nachdem wie groß die Trockenheit ausfiel, wie nah man einer idealen Traubenreife kam und wie sorgfältig die Selektion am Ende war, um etwa Beeren mit Sonnenbrand auszusondern, fallen die Phenole in den Weinen aus. Von rau und stumpf bis seidig, von aromatisch bis abweisend bitter ist alles dabei. Das Dumme ist nur: man merkt es oft nicht gleich. Mancher Wein, der im ersten Moment animierend griffig und saftig wirkt, schmeckt nach einigen Minuten an der Luft schon stumpf; die Tannine werden rau, der vermeintliche Saft besteht womöglich nur aus Zucker. Man nehme sich also Zeit zum Probieren, kostet am besten erst eine Flasche über 2 Tage, bevor man sich größere Mengen in den Keller legt. Wer auf Wettbewerbssieger setzt, wo die Verkoster die Weine meist nur für Sekunden im Glas haben, könnte die eine oder andere unangenehme Überraschung erleben. Continue reading

Österreich im Fokus: Klassische Steirer 2014

Die Steiermark ist in vieler Hinsicht ein Sonderfall in Österreich. Rotweine spielen – obwohl sie immer besser werden – eine ebenso untergeordnete Rolle, wie die sonst überall verbreiteten Leitsorten Grüner Veltliner, der hier überhaupt nicht vorkommt, sowie Riesling, den man allerdings seit einigen Jahren zunehmend ernst nimmt, wenn auch in verschwindend geringer Menge. Für Sauvignon aber, für Muskateller, Traminer und Burgundersorten ist die Steiermark ein Paradies. Aus allen diesen Sorten kommen von hier regelmäßig Weine, die es mit den besten Vertretern ihrer Art weltweit aufnehmen können.

Um die großen Lagen- und Reserveweine soll es hier aber noch gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Basis, die Brot- und Butterweine, die Sachen, um die man nicht erst jahrelang im Keller herumschleicht, bis man sie sich öffnen traut. Denn auch hier leisten sich die Produzenten der Steiermark selten Schwächen; die Durchschnitssqualität auch der einfacheren Weine ist hier so hoch, wie in nur sehr wenigen Weingebieten der Welt. Continue reading

Achtung, Wein! (11)

Meine Empfehlungen aus den Verkostungen der letzten 2 Wochen

Deutschland

Weingut der Woche: Weingut Ernst Dautel, Württemberg

Ernst Dautel brachte das seit 1978 selbständig wirtschaftende Weingut schnell an die Spitze der Region und hielt es dort mehr als 3 Jahrzehnte. Doch die Konkurrenz ist groß geworden in den letzten Jahren. Von vielen Weintrinkern außerhalb Württembergs weitgehend unbeachtet, hat sich die Weinqualität im Land zuletzt in der Spitze wie in der Breite enorm weiterentwickelt. In nahezu allen Stilen – zumindest im trockenen Bereich – werden hier inzwischen Weine produziert, die zu den besten des Landes gehören können. Stagnation kann man sich auch und gerade als Spitzenweingut der Region in diesem Umfeld nicht leisten. Ernst Dautels Sohn Christian zeigt mit seinem aktuellen Sortiment ziemlich souverän, dass er mit der Herausforderung bestens umgehen kann. Nie, so kommt es mir vor, waren die Weine finessenreicher und nobler als heute. Auch die kräftigeren Lemberger und Spätburgunder bleiben hier kühl und geschliffen. Nicht nur die Großen Gewächse sind auffallend gut; man sollte keinesfalls die Guts- und Ortsweine übersehen, die für bezahlbares Geld bemerkenswerte Qualität bieten. Das gilt nicht weniger für die Rieslinge, die durchweg überzeugen. Selbst der Bönnigheimer Ortswein für weniger als 9 Euro hat bereits Klasse.

Probiert haben sollte man unbedingt:

2014 Bönnigheimer Riesling Ortswein, 8,60€
2014 Besigheimer Wurmberg Riesling Erste Lage, 12,60€
2011 Bönnigheimer Sonnenberg Lemberger Erste Lage, 18,90€
2012 Cleebronner Michaelsberg Lemberger GG „St. Michaelsfelder“, 25,80€
2013 Cleebronner Spätburgunder „Schilfsandstein“, 12,90€
2012 Bönnigheimer Sonnenberg Spätburgunder, 18,90€
2012 Bönnigheimer Sonnenberg Spätburgunder GG „Kalkschupen“, 25,80€

Weitere Empfehlungen: Riesling

2014 Kiedrich Turmberg, Robert Weil, Rheingau, 24,90€
Kühl, geschliffen, fest und ausgesprochen mineralisch, dazu mit Pfeffer, Trockenkräutern und ziemlich nobler gelber und auch ein wenig schwarzer Frucht. Vielleicht der beste Turmberg bisher. Der schwarzbeerige Einschlag zieht sich heuer fast durch die ganze Kollektion trockener Rieslinge bei Weil; das hohe Niveau auch. Continue reading

Nachgeschmeckt: Österreich, Teil 3 – Wagram

Veltlinerland…

Der Wagram gehört zu den Weingebieten Österreichs, die zumindest außerhalb des Landes eher zu wenig als zu viel Aufmerksamkeit erhalten.  Dabei ist die Region im Grunde ganz einfach zu verstehen: Wagram ist Veltlinerland. Auf rund 60% der Rebfläche steht Grüner Veltliner, so viel wie in keinem anderen Weinbaugebiet. Dazu kommt als besondere Spezialität der Rote Veltliner, der mit dem Grünen allerdings lediglich den Nachnamen gemein hat, ohne mit ihm verwandt zu sein. Die Reben stehen hier zum größten Teil auf Löss. Die oft meterdicken Lössterrassen sind ein idealer Boden für Grünen und Roten Veltliner, aber auch Weißburgunder und Chardonnay fühlen sich hier recht wohl.  Riesling, obschon er als drittwichtigste Sorte de Gebietes gilt, tut sich mit dem Untergrund etwas schwerer. Auch wenn sich immer wieder ausgezeichnete Wagramer Rieslinge finden, die Veltliner haben doch fast immer die Nase vorn.

Die Verkostung der rund 120 Wagramer Weine, die uns heuer bislang vorgestellt wurden, war fast durchweg ein Vergnügen.  Wirklich schwache Weine begegnen uns hier kaum. Dafür vermitteln auch die einfacheren Tropfen ähnlich wie im angrenzenden Wien oft eine unkomplizierte Trinkfreude, ohne banal zu wirken, und selbst die komplexen Spitzenweine bleiben in der Regel ungeheuer animierend.

Einer der führenden Betriebe ist das Weingut Leth in Fels am Wagram. Auch heuer stellte Franz Leth eine Palette von Weinen vor, die in fast allen Kategorien an der Spitze der von uns probierten Auswahl stehen. Seine vielschichtigen und zugleich geschliffenen Veltliner aus den Spitzenlagen Brunnthal und Scheiben sind Jahr für Jahr erstklassig, doch sollte man darüber keinesfalls seinen Grünen Veltliner aus dem Schafflerberg übersehen. Mit weniger als 10 Euro ab Hof ist dieses spannende und dabei hochfeine kleine Meisterwerk einer der preiswertesten Spitzenweine ganz Österreichs. Doch nicht nur die Veltliner, von denen bereits die Klassik-Versionen großes Vergnügen bereiten,  verdienen bei Leth Aufmerksamkeit. Sein „Wagramterrassen“ ist auch einer der wenigen hochklassigen Rieslinge des Jahrgangs im Gebiet. Dazu kommen zwei sehr empfehlenswerte Sauvignon, ein sehr guter, wie recht oft im Gebiet halbtrocken ausgebauter Weißburgunder sowie mit dem „Gigama“ nicht nur der beste Rotwein des Gebiets, sonder auch einer der feinsten Zweigelt überhaupt.

…mit Rotweininseln

Damit wäre das Rotweinthema beinahe schon abgehandelt, was den Wagram betrifft, aber zwei weitere sehr gelungene Zweigelt verdienen doch noch eine besondere Erwähnung: der geschliffene, animierende „Bromberg von Franz Bayer (der übrigens auch einen recht interessanten, süß ausgebauten Roesler im Programm hat), sowie der deutlich kräftigere, etwas schokoladige „Barrique N° 5 vom Urbanihof.

Grün und Rot – alles weiß

Beide Weingüter haben natürlich auch bei den Weißen einiges zu bieten. Im recht umfangreichen Sortiment von Franz Bayer fallen vor allem die Roten Veltliner positiv auf, noch vor den Grünen Veltlinern. Beim Urbanihof ist es eher umgekehrt, obwohl sich beide Sorten hier eigentlich wenig nehmen. Überhaupt sollte man den Betrieb unbedingt im Auge behalten: alles, was wir vom Urbanihof heuer probierten, war von weit überdurchschnittlicher Güte.

Ebenfalls überaus positiv überrascht sind wir vom Weingut Direder in Kirchberg. Die Reserven von Grünem Veltliner und Weißburgunder sind exzellent, der Burgunder womöglich der beste des ganzen Gebietes, aber auch das restliche Sortiment zeigt keinerlei Schwächen. Ganz ähnlich geht es uns mit Franz Sauerstingl, der mit einer bemerkenswerten Serie von Grünen Veltlinern mit den Bezeichnungen „Löss I“ bis „Löss IV“ aufwartet. Zu den besten Grünen Veltlinern des Wagrams gehören auch Steinberg und Mordthal vom Eckhof, die Reserve „vom Wagramer Löss“ von Gerhold, die „Wagramer Selektion“ von Gudrun Grill und die 2012er Reserve von Waldschütz. Weitere gute Rote Veltliner findet man bei Sauerstingl, Gerhold sowie der Familie Ernst in Großwiesendorf. Bei Fritz Salomon vom Gut Oberstockstall sind es weniger die Veltliner, die auffallen, als vielmehr die Burgundersorten. Vor allem der Weißburgunder kann sich sehen lassen, aber auch der Chardonnay gefällt – wie eigentlich jedes Jahr. Bemerkenswert auch hier: beide Weine sind halbtrocken ausgebaut.

Die Bio-Antipoden

Zwei der wichtigsten Weingüter des Wagrams eint zwar die biodynamische Weinbauphilosphie, doch geschmacklich trennt deren Weine doch Welten.  Während Toni Söllner besonders feingliedrige, geschliffene und kühle Weine auf die Flasche bringt, die frühestens  auf den zweiten Schluck zeigen, was in ihnen steckt, sind jene von Wimmer-Czerny – bei im Schnitt ähnlich niedrigen Alkoholgraden – oft etwas ausladender, auch besonders in der Jugend meist deutlich wilder. Viele von ihnen brauchen einige Zeit in der Flasche um sich zu straffen und aromatisch zu stabilisieren. Zweifellos erzeugen jedoch beide Weingüter einige der besten Roten und Grünen Veltliner der Region und auch die Rieslinge sind stets bemerkenswert gut; bei Wimmer-Czerny kommen noch ein sehr guter Weißburgunder und  bemerkenswerter Sekt hinzu.

Zu den verkosteten Weinen im Weinführer:

Grüner Veltliner
Roter Veltliner
Riesling
Weißburgunder
Chardonnay
Sauvignon
Rotweine