München – Weinkultur in der vermeintlichen Bierstadt

In diesen Tagen tobt in München wieder das Oktoberfest – und da erreicht mich eine Mitteilung von Nicola Neumann aus der bayerischen Metropole, die behauptet: “München war und ist die Weinhauptstadt Deutschlands.” Das überrascht mich tatsächlich, denn wie vermutlich viele andere bringe auch ich München immer zuerst mit Bier in Verbindung. In der Nachricht werden jedoch Belege für die Behauptung geliefert: “Mit einem jährlichen Verbrauch von ca. 40 Litern Wein gegenüber dem deutschen Durchschnitt mit etwa 24 Litern liegt München klar in Führung und präsentiert sich damit als Stadt der Weinliebhaber”, heißt es mit Verweis auf die Trinkweinbilanz des Deutschen Weininstituts (DWI). Und auch der historische Bezug wird hergestellt: Im 12. Jahrhundert war der heutige Marienplatz der Weinmarkt der Stadt, und bis ins 16. Jahrhundert wurde sogar Wein in der Umgebung Münchens angebaut.

Doch wozu diese ganzen Geschichten?

Nicola habe ich auf dem diesjährigen VinoCamp Ende Juni in Geisenheim kennengelernt. Sie arbeitet bei der Münchener Weinhandlung Noble Wine und hat die “Münchner Weininseln” ins Leben gerufen, eine “Initiative zur Förderung kleiner, inhabergeführter Weinhandlungen, Weinbars und Vinotheken”. An drei aufeinander folgenden Samstagen im Oktober bieten Vinotheken, Wein- und Feinkosthandlungen und Restaurants in drei Münchner Stadtteilen spezielle Aktionen und Events an: am 5. Oktober im Schlachthofviertel, am 12. Oktober im Glockenbachviertel und am 19. Oktober im Gärtnerplatzviertel. Die Veranstaltungsreihe findet in Kooperation mit den “Werkschauen” statt, so dass an den jeweiligen Wochenenden in den betreffenden Vierteln auch Kunstateliers, Studios und Werkstätten besichtigt werden können.

Logo der Initiative "Münchner Weininseln"

Die „Weininseln“ sind eine gemeinnützige Initiative zur Unterstützung des lokalen Fachhandels.

Nicola berichtet über die Hintergründe der Idee, für die das Konzept von einem “Tag des offenen Weinkellers” Pate stand: “In Münchens Gastronomie gibt es zum großen Teil wenig interessante Weine zu extrem hohen Preisen.” (Diese Erfahrung habe ich in der Stadt auch schon gemacht.) “Die Weininseln verstehen sich als Orte, an denen hochwertige, besondere, authentische und handwerklich produzierte Weine zu fairen Preisen verkauft und ausgeschenkt werden. Weine, die nicht in so großer Stückzahl produziert werden, dass man sie in unzähligen Filialen verkaufen könnte. Weine, die jedes Jahr ein bisschen anders schmecken, je nach klimatischen Bedingungen. Weine, die nicht manipuliert werden, bei denen der Winzer so wenig wie möglich eingreift, weil er möchte, dass sich die jeweilige Herkunft und der Boden im Produkt widerspiegeln.” Und geradezu dramatisch setzt Nicola nach: “Die Orte in München, wo es individuellen, charakterstarken Wein gibt, sind in Gefahr. Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Herausforderung so groß, handwerklich produzierten Wein zu verkaufen wie in München, wegen der extrem hohen Mieten. Weininseln werden fast immer von Enthusiasten geführt, denen es wichtig ist, dass das, was sie tun, sinnvoll und bereichernd ist. Das muss meiner Ansicht nach unbedingt gefördert werden, damit diese individuellen Plätze auch in Zukunft weiterbestehen.” So kam es zu den Weininseln.

Laut DWI-Statistik kaufen die Deutschen ihren Wein zu drei Vierteln im Lebensmitteleinzelhandel – fast zur Hälfte sogar in Discountmärkten. Dem will Nicola entgegenwirken: “Anscheinend ist es vielen Menschen egal, wie der Wein produziert wurde und welche Menschen dahinter stecken. Dabei bekommen sie im Weinladen zusätzlich zum Produkt eine inspirierende Atmosphäre, eine Geschichte und einen persönlichen Kontakt. Eigentlich ist Wein mit seinen unbeschreiblich vielen geschmacklichen Facetten das Genussmittel schlechthin, das man nicht ‘gegen den Durst’ trinken, sondern wirklich bewusst genießen sollte, als etwas, dass bereichert und inspiriert.” Gleichzeitig geht es ihr darum, Hemmschwellen abzubauen: “In meiner Vision ist eine Weinhandlung kein Ort für Weinkenner, sondern ein ganz normaler Ort für jedermann, weil es jedem wichtig sein sollte, was er konsumiert und wie es produziert wurde. Bei Kaffee ist dieser Trend inzwischen angekommen, und es eröffnen immer mehr Kaffeeröstereien. Auch beim Thema Bier passiert einiges. Ich erkenne da eine zunehmende Sehnsucht nach guten, authentischen Produkten, und das freut mich.”

Dem kann ich mich nur anschließen und finde die Initiative der Weininseln großartig. Wer also an einem der kommenden Wochenenden in München ist, sollte mal die eine oder andere Insel ansteuern und sehen, was es dort zu erleben und zu probieren gibt. Ich bin sicher, es lohnt sich! Detaillierte Informationen finden sich auf der Internetseite muenchner-weininseln.de.

Bernhard Meßmer, Inhaber der Wein- und Whiskyschule "einfach geniessen" in München

Bernhard Meßmer, Inhaber der Wein- und Whiskyschule „einfach geniessen“

Übrigens: Wenn man schon auf Wein- und Genusstour in München unterwegs ist, kann man auch noch in der Wein- und Whiskyschule einfach geniessen von Bernhard Meßmer vorbeischauen, die mit zwei Jubiläumsveranstaltungen im Oktober ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Am Freitag, 4. Oktober lädt das Team von einfach geniessen zu einem “Genussparcours” ein, bei dem von 15 bis 22 Uhr für fünf Euro ausgesuchte Weine und exquisite Whiskys verkostet werden können; dazu werden Crostini mit hausgemachtem Pesto gereicht. Und am Dienstag, 15. Oktober stehen von 17 bis 22 Uhr unter dem Motto “10 Jahre Spätburgunder” gereifte Spitzengewächse renommierter deutscher Winzer aus dem Ausnahmejahr 2003 zur Probe bereit. Die Namen der Weingüter können sich wirklich sehen lassen: Friedrich Becker, Rudolf Fürst, Bernhard Huber, Knipser, Philipp Kuhn, Meyer-Näkel, Meßmer, Köhler-Ruprecht, Ökonomierat Rebholz, Hans-Peter Ziereisen und noch mehr. Darüber hinaus gibt es eine Vertikale der Jahrgänge 2003 bis 2010 vom Großen Gewächs Schlossgarten aus dem Weingut der Familie von Bernhard Meßmer. Für zehn Euro – wieder einschließlich Crostini-Imbiss – sicher eine spannende Angelegenheit. Für beide Veranstaltungen ist keine Anmeldung erforderlich, also einfach hingehen. Mehr Infos unter einfachgeniessen.de.

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